Letzte Artikel

TROTTER GEAR

Frau HoffmannGegen Ende des vorigen Jahrhunderts traf ich in London Axel Scheffler, der dort lebt und einige meiner Bücher illustriert hat. Während des Abendessens bei “Rules” im Theaterdistrikt, erzählte er mir von einer Kneipe, deren Spezialität die Innereien der Tiere sind. Der Wirt, Fergus Henderson, habe Aufsehen erregt, indem er Eichhörnchen auf seine Speisekarte setzte. Die hatte ich noch nie gegessen, also machte ich mich auf, die nervösen Nager auf meinem Teller kennen zu lernen.
Als ich die Adresse erreichte, war mir die eindringliche Parole der Hendersonsche Küche bereits vertraut: “From nose to tail”, das bedeutete nach dem Willen des Kochs, dass von unseren Schlachttieren alles, wirklich alles von der Nase bis zum Schwanz, gegessen werden kann. Schon aus Respekt vor den weniger teueren Teilen. Eine lobenswerte Einstellung, besonders vor dem Hintergrund des sozialistischen Pampflets “U- and Non U” der Nancy Mitford, das damals ganz Hamstead auswendig kannte. Ich entdeckte aber gleichzeitig die unterschiedliche Delikatesse der einzelnen essbaren Teile. So finde ich eine Schweineniere lägst nicht so appetitlich wie das entsprechende Organ vom Kalb, auch die Leber von der gestopften Gans (bereits von den Römern als Leckerbissen hochgeschätzt), gilt dem londoner Koch als Leckerbissen. Sein Buch “Nose to tail” wurde jetzt im Basler Echtzeit Verlag zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, wobei es den Umfang verdoppelte und zum Kultbuch erklärt wurde. Davon kann keine Rede sein, weder setzt Nase-bis-Schwanz einen Trend in Bewegung noch bringt es dem Hobbykoch neue Erkenntnisse. Dazu sind die eingefügten Rezepte zu banal. Es sei denn der Leser ist wild darauf, zu erfahren, dass trotter gear nichts anderes ist, als “schwabbelndes Schweinfußfleisch”, das man aus 6 Schweinefüßen 3 Stunden lang herauskochen muss. Vielleicht interessiert den Leser – sofern es keine Frau Ist – zusätzlich, dass ein Schweinefußgratin mit Kutteln und Zwiebeln besser mit Kartoffelpüree gegessen wird. Immerhin bringt Henderson das Kunststück fertig, die abgebildeten Nasen- und Schwanzstücke so unappetitlich ins Bild zu setzen wie möglich. Dass seine Gäste dafür Fleischragouts mit den Fingern essen müssen, entspricht dem Bild seiner Proletküche. Insofern passt der Begriff Kultbuch letzten Endes doch.

2 Kommentare

BAYERISCHE CREME

Frau HoffmannEssen liegt im Trend. Das weiß jeder. Dass Essen auch an der Ruhr liegt, wissen nur Zeitgenossen, die wie ich in Essen groß geworden sind. Doch das spielt keine Rolle. Zumal Essen die letzte Großstadt war, in der das Essen im Trend lag.
Die Frage ist nur: Wie kam es dahin?
Man sollte annehmen, dass Essen zu allen Zeiten im Trend gelegen hat, weil die Menschheit seit eh und je hungrig war und nie zufrieden mit dem, was man ihr zum Essen vorsetzte. Dabei ging es fast immer um die Menge. Wer ein Kaninchen auf den Spieß steckte, wollte ein Wildschwein, und wer zwei hatte, glaubte Anspruch auf einen Ochsen zu haben.
Nicht anders verhält es sich mit den Autos. Wer eins hat, will zwei, und möglichst drei. Denn die Familien vergrößern sich.
Nicht nur in Essen an der Ruhr, auch in Berlin, wo ein Bayer namens Dobrindt dafür sorgt, dass die Autos ganz heftig im Trend liegen. Er hat nämlich ein Rezept für ein Auto am Spieß unters Volk verteilt, auf welches dieses lange gewartet hat. Er verspricht lackiertes Blech, so zart wie Spaghetti, sättigend wie Leberkäs und nahrhaft wie Pommes frites. Zusätzlich süß wie eine Bayerische Creme
Vor allem soll es nichts kosten, das Auto der Zukunft, weil unsere Besucher es bezahlen werden.
Ein merkwürdiges Rezept, finden Sie? Ohne Chancen jemals realisiert zu werden? Kann schon sein. Aber die Aufregung darüber wird die dummen Bayern und andere Schlaumeier ablenken von dem Thema, wie man mit den USA ein Handelsabkommen schließt, ohne dabei zur Mickymaus gemacht zu werden.

2 Kommentare

DIE LUST AM LAND

Frau HoffmannEs war natürlich keine vernünftige Idee, ausgerechnet zur Reisezeit die Autobahnen zu testen. Obwohl keine Zeit existiert, in der das Fahren auf der Autobahn Vergnügen bereitet; es sei denn die besten Fußballer der Welt kicken gleichzeitig um eine goldene Trophäe. Aber das weiß jeder.
Wohingegen nicht jedem unserer weltreisenden Urlauber aufgefallen sein dürfte, wie ähnlich es in Deutschland ist. Ob in Niedersachsen, in Oberbayern, in der Ortenau oder dazwischen auf dem flachen Lande, wo trübe Flüsse Täler bilden und barocke Herrenhäuser von durchgeregneter Prächtigkeit kün­­­den – überall haben geschmacksamputierte Kommunalpolitiker Spuren ihrer Geschäftstüchtigkeit hinterlassen. Von der überflüssigen Straßenbeleuchtung, vom unnötigen Kreisel, den Schlaglöchern vor dem Freibad und den Untaten des örtlichen Verschönerungsvereins ist die Gegend übersäht mit Hässlichkeiten, die lediglich beweisen, wie stark Bürgermeister, Stadträte und ähnliches Gesocks bestochen worden ist, um derartigen Mist der Umwelt zu hinterlassen.
Die Schuld der Naturzerstörung durch die Bauern, welche beim Anblick einer hundertjährigen Eiche nicht mehr wie früher an ein passendes Geburtstagsgeschenk für den geliebten Führer denken, sondern an den Festmeterpreis, den sie durch Fällen jedes Baumes erzielen können, diese habgierige Mentalität der Landwirte wird durch jeden Quadratmeter evident, den sie mit Mais bepflanzen.
Auch den Zustand unserer Natur darf man als bekannt voraussetzen.
Worüber sich unsere Heimatfreunde jedoch immer noch Illusionen machen, ist der Zustand unserer Gastronomie. Trotz aller gedruckten Landlust ist der ziemlich beschissen. Gewiss gibt es an den bekannten Brennpunkten Luxus und eine hochfeine Küche. Aber wie weit muss man dafür fahren!
Und ein glasierter Schweinebraten mit Klößen, den im Münchener Umland die Anwohner als ‘resch, ehrlich, und echt’ bezeichnen, würde ich nur ganz selten unter die Delikatessen einreihen.
“Und schon gar nicht ohne Pommes Frites”, wie mir ein Einheimischer treuherzig versicherte.
So war es überall. Ganz klar ist: Die deutsche Freizeitgesellschaft hat zu viele Baustellen, zu viele Kinder und zu viel Geld aus Brüssel. Aber kein Talent, es mit Grandezza auszugeben.

2 Kommentare

AUSTERN NUR AUF ANFRAGE

Frau HoffmannWieder mal in Hamburg, wieder mal gestaunt über die hübschen Villen, in denen sich unter anderen Gewerbetreibenden auch ein paar mittelhübsche Restaurants verstecken, was aber den mittelständischen Gästen wenig ausmacht, solange über der Eingangstür ein durch Film und Fernsehen bekannter Name steht.
Inwieweit dieser in ganz Deutschland zu findende Gafferismus Einfluss auf die Jeweilige Küche hat, kann nur durch eine gezielte Ortsbesichtigung beurteilt werden. Deshalb baten wir bei Henssler&Henssler für den frühen Abend telefonisch um einen Tisch. Abgelehnt. Einem Fernsehstar rückt man nicht auf die Pelle, indem man einen Namen ins Telefon brüllt.
Also versuchten wir es zur angemessenen Zeit wie hungerige Fußgänger überall auf der Welt. Die Halle war halb leer, das Personal von gemäßigter Freundlichkeit. Wir bekamen zwei nebeneinander liegende Tische in der ersten Reihe. Wie die Arbeitsplätze asiatischer Blusennäher. Die Köche, mindestens ein Dutzend, werkelten einsehbar hinter Glasscheiben.
Ein Star namens Henssler war nicht dabei. Die kombinierte Menü- und Weinkarte bot nicht viel Auswahl, bzw. nur das Übliche, was uns daran erinnerte, dass wir in einem Bistro saßen und nicht in einem Feinschmeckerkabinett.
Auf den Nachbarplätzen wurde viel Fleisch gegessen, die asiatische Küche, die früher die Stärke von Henssler junior war, schien an Wichtigkeit eingebüsst zu haben. Nach Austern musste ich extra fragen. Die kleinbürgerliche Scheu vor exotischen Gerichten musste nicht erst am Fehlen von Innereien demonstriert werden. Auch die aus Japan eingeführten, zusammengerollten, heißen Waschlappen wurden uns erst angeboten, als wir den ersten Gang fast hinter uns hatten; sie waren kalt wie abgestandene Sushis.
Von den übrigen Zutaten der Menüs ist ebenfalls nichts Freundliches zu sagen. Obwohl alles sichtbar mit der Hand gemacht wurde, überwog der fatale Eindruck von automatischer Fertigung. Die in der asiatischen Küche so leicht erreichbaren Überraschungen durch unvorhersehbare Gags aus der Kräuter- oder Gewürzküche fehlten vollkommen. Sogar die Austern waren nach amerikanischer Mode so gründlich gewaschen, dass der Eindruck von Total-Hygiene nicht zu übersehen war, der noch keinen Feinschmecker glücklich gemacht hat.
So kamen wir früher als geplant ins Hotel Park Hyatt (5 Sterne). Wo Madame ihren Koffer (ohne Rollen) eigenhändig transportieren musste, und das Personal eine Stimmung verbreitete, als habe soeben eine Troika von Insolvenzverkündern das Haus verlassen.

6 Kommentare

DIE RICHTIGEN PAPIERE

Frau HoffmannDas Internet zerstört die Zukunft unserer Kinder. Weil es die Menschen in ungebildete Konsumenten verwandelt. In eine Volksgemeinschaft von verblödeten Smart­-phone-Süchtigen, die sich vor bedrucktem Papier ekeln wie ein Veganer vor gebratenen Kalbsnieren.
Das jedenfalls schreiben Deutschlands Leitartikler in ihren klugen Zeitungen. Es sind dieselben Zeitungen, vor denen sich ästhetisch empfindsame Leser seit fast einem Jahr ekeln wie Fußballprofis vor ihren schwulen Kollegen.
Was ist passiert? Das Übliche: Die Verleger müssen spa­ren. Und woran spart der Produzent? Er spart beim Einkauf. Ob er einen begabten Redakteur durch einen weniger begabten, schlechter bezahlten ersetzt, oder er spart m Klopapier.
Er kann sich auch mit seinen ebenfalls sparwilligen Kollegen treffen und den Kauf des neuen, billigeren Papiers verabreden, das erstmalig auf dem internationalen Markt angeboten wird. Das gibt es nämlich. Es ist von jener Sorte, die knistert und zischelt, dass einem die Trommelfelle schmerzen, und sich nur mit Mühe falten lässt, ein Papier wie man es von einem Produkt erwartet, das von unterbezahlten Lohnsklaven unter menschunwürdigen Bedingungen hergestellt wird.
Eigentlich ein abscheuliches Papier, geben die Besitzer der SZ und der FAZ zu, aber wenn man bedenkt, wie viel es uns erspart!
Und die noblen Herren schluchzen herzzerreißend.
Ihre Krokodilstränen trocknen sie aber noch mit Papier aus einer früheren Lieferung. Denn sie haben ja recht: das neue Zeitungspapier ist wirklich abscheulich.
Man darf nur nicht daran denken, wie viel mehr sich an dem ekelhaften und umweltschädigendem Papier verdienen lässt.

Hinterlasse einen Kommentar

Marakesch

Frau HoffmannAch, so schlimm wird’s schon nicht werden,” sagte der Busfahrer und zertrat den Rest seiner Zigarette. Dann erst kletterte er in sein Dienstfahrzeug und verstaute die Zettel, welche unsere Fahrberechtigung dokumentierten, in der Tiefe unter uns, nicht ohne 80 Euro kassiert zu haben zu haben. Meine, an dieser Stelle wohl tausend Mal gemachte Bemerkung “Das ist aber teuer”, entgegnete er routiniert mit: “Is ja auch für Hin- und Rückfahrt. Und das mitten in der Nacht!”

Richtig. Und insofern gerechtfertigt. Marrakesch erreicht man nicht so leicht wie Venedig. Außerdem ist man dort ziemlich sicher, nicht in einem Scherbenhaufen zu landen, wie uns das sowohl in Kairo als auch in Athen passierte. Die Verursacher des lästigen Saharastaubs, waren in diesem Frühjahr Dauerthema der Meteorologen. Auch Touristen dürfen sich eines deutlichen Interesses bei den Ordnungskräften erfreuen. Letztere sind verstärkt auf den Straßen zu finden, zum Schutz der Ersteren vor den tüchtigen Teppichhändlern. Doch sollte man diese nicht unterschätzen. Was immer einem für zu Hause angedreht wird – und es gibt nichts, was die gerissenen Kapitalisten einem nicht andrehen

können – sie liefern auch sperrige Andenken zuverlässig und ziemlich bald an eine Adresse in Europa.

Das bedeutet aber nicht, dass Madame und Ich nach Marrakesch geflogen sind, um von dort ein Klavier aus Elfenbein (oder Elfenbeinimitat) an die Lieben daheim zu schicken.

Mich interessierte, wie zu erwarten, die Regionale Küche.

Wobei ich mir keine Illusionen machte. Denn die Hirse gehört nicht gerade zu meinen Leibspeisen. Unter dem Namen Cous ­­cous nimmt sie den Platz ein, den wir Schweinefleischesser der Kartoffel zuordnen.

Hier sind einige Adressen im Stadtzentrum, die Marrakesch so einzigartig machen. Da ist erst einmal das Fehlen aller Wolkenkratzer, dafür sind moderne Bauten von hohen Mauern umgeben, welche teilweise sehr gepflegte Gärten und Innenhöfe beinhalten. Grünanlagen und Parks sind mustergültig gepflegt. Vor allem der nach dem Maler Majorelle benannte Park ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Was hier in der Straße Yves Saint Laurent mit Hilfe der Natur gelungen ist, kann auch das Hotel Royal Mansour triumphierend vorweisen: ein absolutes Kunstwerk in arabischem Stil, dem man die königliche Herkunft von weitem ansieht (Rue Abou Abbas el Sept).

Die klassische Gastronomie Marrakeschs heißt Hotel La Mamounia. Hier haben alle gewohnt, die schon vor Jahrzehnten nach Grand Hotels verlangten (Avenue Med. VI).

In unmittelbarer Nähe der pittoresken Medina befinden sich zwei wichtige Adressen, das Complexe d’Artisanat. Voll ma- marokkanischem Kunsthandwerk, wo Handwerker ihre Produkte verkaufen, ohne zu feilschen, sowie die Patisserie des Princes, in Ba Agnaou, wo sie leckere Mandelplätzchen und dergleichen backen.

Das Restaurant Fouquet’s im Hotel Naoura Barriére war ein Erlebnis eigener Art, und das La Maison Arabe bilden zusammen die Mittelschicht in Marrakesch, alle in Stadtmitte. Eine reine Frauenküche fanden wir im Al Fassia (1) und Al Fassia (2).

Das luxuriöseste Hotel war 20 Minuten von der Stadt entfernt, und heißt Palais Namaskar. Es ist so einmalig, dass ich es im ZEITmagazin Nr. 14 extra besprochen habe.

3 Kommentare

Größte Auster der Welt

Frau HoffmannDänische Freunde haben mir eine Nachricht ins Haus geschickt, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte: An ihrer südlichen Nordseeküst ist die größe Auster der Welt gefunden worden. Sie ist 35,5 cm groß und hat damit das Traummaß aller gierigen Schnitzelesser erreicht bzw. übertroffen, für die ein Wiener Schnitzel so groß sein muss, dass es über den Tellerrand schwappt.
Das ist neu für das Guinness Buch der Rekorde und furchteinflößend für mich, weil ich mich erinnere, vor langer Zeit in den USA eine Auster gegessen zu haben, für die extra Messer und Gabel serviert wurden. Wie diese Riesenauster geschmeckt hat, weiß ich nicht mehr (ist zu lange her), aber dass ich mich vor dem Monster ziemlich ekelte, wird man nachempfinden können; auch wenn Austern heute
zu meinen liebsten Muscheln gehören.
Das Alter der Dänischen Riesin wird auf 20 Jahre geschätzt, was die Dänen aber erst genau feststellen können, wenn sie die Glibber-Oma abmurksen. Vorläufig liegt sie noch 1. Klasse im Aquarium von Ribe
und wird mit Planktonalgen gefüttert, was mich an eine Scherzfrage nach meiner Henkersmahlzeit erinnert: Austern satt.

3 Kommentare

WIR HAMS JA

Frau HoffmannDie europäischen Landwirtschaft steckt in einer wunder­baren Krise. Sie könnte sich zum Segen der Konsumenten entwickeln. Dazu bedarf es allerdings einer radikalen Ver­änderung in der Agrarpolitik. Der Rationalisierungswahn mit seiner zwangsläufigen Massenproduktion muss als das Erzübel erkannt werden, das wie eine Seuche jede Qualität der Nahrungsmittel verhindert.
Aber Halt! War da nicht was? Haben wir nicht soeben aus dem Mund der ehemaligen CSU-Landwirtschaftsministerin ein Bekennt­nis zu genfreien Pflanzen gehört? Es klang sehr leise, fast zag­haft, aber es war deutlich.
Sie, die jahrelang unverdrossen für die genmanipulierten Produkte des Samengiganten Monsanto geworben hatte, die ihr besonders ans Herz gewachsen schienen – und die auch sonst ein offenes Ohr von der Größe eines afrikani­schen Dickhäuters für die Wünsche der Agrarindustrie hatte, sie gelobte, dass dieses Teufels­zeug auf bayeri­schem Boden nicht ausgesät werde. (Das kann nur be­deu­­ten: den Bajuwaren steht eine Landtagswahl bevor.) Immerhin sollte es uns eine Lehre sein, wie plötzlich sich die offi­zielle Doktrin ändern kann. Da musste nur ein un­fä­higer Minister ge­kippt werden, weil ein anderer, der es nicht einmal zum Minister gebracht hat, sich auf dem Klo Nacktfotos ansieht, so dass in der militärischen Ecke der Republik ein paar clevere Typen zig Millio­nen Euro am Par­lament vorbei verjuxen, was ihnen eine penible Haushäl­terin nicht gönnt.
Erstaunlich bei dem Verwirrspiel ist jedenfalls die Ge­schwindig­keit, mit der da neue Agrarminister, Drohnen­beschaffer, Softpornografen, Aufsitzende, Vorsitzende, Plagiatorinnen und Nachsitzende aus dem Hut gezogen werden.
Nun ja – wer hat, der hat.

————————————

Die Einzelheiten zu beschreiben, die zu dem Fiasko geführt haben, ist nicht nötig. Jeder, der sich informieren wollte, hatte im letzten Jahr Gelegenheit genug, die unappetitlichen Details kennenzuler­nen. Kein einzelnes ist wie ein Naturereignis über die Konsumen­ten gekommen. Alle Katastrophen sind hausgemacht. Die hun­dert­­tausend abgeschlachteten Rinder, die exekutierten Schafe, die brennenden Schweine – und was sonst alles dem Irrsinn der Funktionäre zum Opfer fiel – sie sind einem gemein­samen Virus erlegen: der Sucht des Konsumenten nach dem Billigangebot.
Weil die Eier immer noch so billig sein sollen wie vor vier Jahr­zehnten, werden Millionen Hühner in KZ-ähnlichen Käfigen gequält; weil die Verbraucher jeden Tag Fleisch essen wollen, werden Schweine und Kälber mit Wachstumshormonen gedopt, Tier­quälerei ist die tägliche Beilage auf unseren Tellern.
Was dort seit langem nicht mehr zu entdecken ist, nannte man früher Produktqualität. Alles was in Massen produziert wird, damit es möglichst billig ist, verliert an Qualität. Das ist so etwas wie ein Naturgesetz in unserer globalisierten Gesellschaft. Entsprechend verkam die Qualität unserer Ernährung in dem Maße, wie das Essen durch Massenproduktion immer billiger wurde.
Das tägliche Stück Fleisch wurde zum Symbol unseres Wohl-stands, und nie hat sich die zivilisierte Menschheit so zynisch über die Naturgesetze hinweg gesetzt wie in unserer Zeit. Dafür büßen wir.
Den einen zerfrisst die Furcht die Seele, am Essen zu erkranken. Andere fürchten um ihre Einnahmen, wenn die kriminelle Behand­lung, die sie den ihnen anvertrauten Tieren angetan haben, plötz­lich verboten wird. Die dritten fürchten allgemein um ihren Berufsstand, weil sie nicht wissen, wie sie ihn erhalten können, wenn seine Methoden radikal geändert werden. Wieder andere fürchten um ihre Pfründe, weil der Volkszorn ihnen möglicher­weise die Wiederwahl verweigert. Die Furcht geht um in unserer Gesellschaft, und das ist gut so. Denn die Furcht ist die Mutter der Vernunft.
Darüberhinaus muß der Verbraucher erkennen, dass er nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist. Mit seiner hartnäckigen Weigerung, für gute Qualität mehr Geld auszugeben als für schlechte, hat er den Produzenten die Möglichkeit gegeben, den Markt zu über­schwemmen mit Produkten, die biologisch und kulinarisch gese­hen Schund sind. Nicht nur die Produkte der Landwirtschaft. Auch was sonst in Dosen und Döschen, in Bechern und Büchsen, unter Plastik und eingefroren dem Konsumenten aufgeschwatzt wird, ist größtenteils nicht für den menschlichen Verzehr geeignet – sofern der etwas mit Genuss zu tun haben soll.
Nicht anders bei den billigen Schnitzeln vom Schwein, den Hühnerkeulen und Rindersteaks aus Massentierhaltungen. Die Feinschmecker unter den Verbrauchern haben das als erste er­kannt; allein ihretwegen konnten die ersten Biobauern existie­ren. Nun ist die Furcht dazu gekommen und hat die gesundheitlichen Aspekte unserer Ernährung in den Mittelpunkt gerückt. Dass damit gleichzeitig die Interessen der Feinschme­cker berücksich­tigt werden, ist zwangsläufig, auch wenn diese mit den Schnäpp­chenjägern, die jetzt um ihren Kreislauf fürchten, wenig gemein­sam haben. Eine Zwangskoalition nennt man das. Ihre Notwen­digkeit steht außer Frage. Denn beide zusammen haben eine starke Waffe in der Hand: den Boykott der minderwertigen Qua­litäten.
Die Chance für eine Wendung zum Besseren war noch sie so groß wie jetzt, da über europäische Äcker die Giftwolken der chemi­schen Spritzmittel ziehen. Der Konsument muss sich nur seiner Macht bewusst sein – und seine unselige Bedürfnislosigkeit ge­genüber dem besseren Essen aufgeben.

5 Kommentare

SUCH DEN GRÜNEWALD

Frau HoffmannSeit einigen Wochen werden die Medien von einem Thema beherrscht. Es heißt: “Frankreich, und wie die Wirtschaft den Bach hinunter geht”. Wir frankophonen Feinschmecker lesen es mit Bestürzung. So schlimm wird’s wohl nicht sein, denken wir, und erinnern uns an die Froschschenkel, die im Aigle d’Or auf der Speisekarte stehen. Wir denken verzückt an den einmaligen Münster, den das hübsche Hotel de la Ferme in Osthouse seinen Gästen zum Frühstück serviert, und beruhigen uns mit dem Gedanken, dass ein Land, das solche Edelkäse bereits am frühen Morgen anbietet, so arm nicht dran sein kann. Dann steigen wir ins Auto, weil es gilt, einem jungen Freund weitere Kostbarkeiten des Elsass zu zeigen. Wir nehmen Kurs auf Kolmar, denn dort wartet der Isenheimer Altar, das oberrheinische Hauptwerk der gotischen Malerei, das nur mit der Mona Lisa zu vergleichen ist, wenn man seine kunstgeschichtliche Bedeutung würdigen will.

Unvermeidlich muss man das Meisterwerk des Mathias Grünewald aus dem Jahr 1506 erst mal finden. Das ist ziemlich schwierig, weil der berühmte Altar für einige Jahre in einem anderen Gebäude untergebracht wurde; der Tourismusverband es jedoch nicht für notwendig hält, durch Plakate oder sonstige Hinweise darauf aufmerksam zu machen.

Es ist aber sehr wohl notwendig, denn genau so gut hätten sie das renommierte Kunstwerk im Brasilianischen Regenwald verstecken können. Wer nur wegen des Grünewald-Altars nach Kolmar fährt, muss früh aufstehen. Erst gilt es, ein Parkhaus zu finden. Dabei ist ihm kein Tourismus Manager behilflich. Auch als Flaneur in der Altstadt findet man weder Trost noch den Altar. Nicht ein Plakat, nicht ein Wegweiser lassen ahnen, dass man sich kurz vor einem der größten Kunstwerke der Welt befindet. So ist es keine Wunder, dass die erste Auskunft, die man um 11.40 Uhr an der endlich gefundenen Museumskasse erhält, den Terminkalender des Tages völlig durcheinander bringt: Von 12.00 bis 14.00 Uhr geschlossen.” Was auf gut Deutsch bedeutet, dass schon 20 Minuten vor der Mittagspause, keine Eintrittskarten mehr verkauft werden.

Man reibt sich die Augen. Da besitzt eine Kleinstadt eines der größten Kunstwerke der Welt und macht es angereisten Besuchern schwer bis unmöglich, es zu besichtigen. Weil sie mehr als zwei Stunden Mittagspause feiern, als wäre es der 1. Mai.

Der Tourist, sich an frühere Besuche erinnernd, weiß, dass es in der Stadt ein paar ganz originelle Restaurants gibt, bzw. gab, und hofft, die unfreiwillige Wartezeit einigermaßen zivilisiert verbringen zu können. Doch ein zaghafter Einblick in die jeweiligen Guides hatte mich gewarnt: Wo solche Zivilisation einst möglich war, sind entsprechende Restaurants im Winter geschlossen.

Um dieser Enttäuschung noch den Schock hinzuzufügen, be­darf es nur eines kurzen Spaziergangs durch die Altstadtgas­sen. Was früher einer Gourmet-Messe glich, wo jedes zweite Haus dem Feinschmecker verlockende Schaufenster darbot, von der Boulangerie zur Charcuterie, vom Metzger zum Schokoladenkocher, hat sich die Billigwelt asiatischen Schunds breitgemacht. Heute kann man von Kolmar sagen, dass die Stadt vielleicht ein paar krumme Häuser aus der Zeit Dürers mehr hat als andere Städte, welche aber nichts enthalten, was auf den Digitalkonsumenten noch einen Reiz aus­üben könnte.

Weil alle Innenstädte inzwischen so aussehen – egal, ob sie einen Markstein der Hochgotik enthalten oder nicht – ist es der routinierte Reisende gewohnt, seine Tränen über den Untergang der gepflegten Gastronomie zurückzuhalten. Er geht also in ein schäbiges Bistro und überbrückt die Wartezeit mit einem Dutzend mittelmäßiger Austern.

Wenn seine Zeit gekommen ist, entdeckt er, dass der Altar in einem großen Raum steht, statt wie früher in einem engen Bogengang, während das berühmte Kunstwerk geradezu dilettantisch beleuchtet ist.

Wenn eine Stadt, die vom Tourismus lebt und ihn nur durch den Verkauf von Ansichtskarten ehrt, darf sie sich nicht wun­­dern, wenn es in den Medien heißt, die Wirtschaft ginge den Bach hinunter.

2 Kommentare

TRÜFFEL

Frau HoffmannMehr als zehn Seiten widmet das amerikanische Magazin The Atlantic den Trüffeln. Daran ist ungewöhnlich nur die Länge des Textes. Denn jetzt, in den Monaten vor und nach Weihnachten, hat diese unscheinbare Knolle ihre Hochsaison. Und wenn man in den USA sitzt, ranken sich um den Edelpilz die abenteuerlichsten Geschichten. Vom Kilopreis ist am häufigsten die Rede, der sich bei 2000 bis 3000 Dollar $ bewegt, anscheinend unterschiedslos von der Herkunft der Trüffel. Die chinesischen werden als genau so wertvoll eingeschätzt wie die weißen aus dem Piedmont oder die schwarzen aus dem Perigord.
Vielleicht werden sie bei Lehmann Brothers so gehandelt. Die routinierten Händler hierzulande kennen andere Preise. Sie wissen auch, dass die sogenannten Perigord-Trüffel zum größen Teil schon seit Jahrzehnten in der Provence gefunden werden.
Aus der Ferne lassen sich kuriose und spannende Stories über Trüffel schreiben, vor allem, wenn die Autoren 8000 Kilometer entfernt wohnen und gern über Mord und Mafia meditieren. Meistens geht es dabei um die Trüffelhunde, welche von neidischen Nachbarn mit Gift und Galle zur Strecke gebracht werden. Vielleicht gibt es solche Fälle en masse; vor allem aus Italien werden kriminelle Vorgänge berichtet, wo die teuren Erdknollen gefälscht, bearbeitet, parfümiert und mit Botox behandelt werden, was niemanden wundert, der den “Paten” im Kino gesehen hat.
Ich hatte das Glück, fast zwei Jahrzehnte im Zentrum der provencalischen Trüffelreviere zu wohnen. Dort entging mir nichts von dem Wahnsinn, der die Trüffelsucher jedes Jahr im Winter befällt. Das ist die Zeit, wenn die Nimrods nicht mit ihren Schießprügeln auf die Jagd gehen, sondern mit dem Trüffelhund, und die Kids den Tagespreis der Trüffel in ihre Smart Phones einspeichern. Es ist aber auch die Zeit, wenn jede Billigkneipe eine brouillade aux truffes auf der Speisekarte hat. So wie jetzt.
Es geschah, dass ein großes Böblinger Blech vor der Burg bremste und der Chauffeur auf die freien Fondsitze deutete: “Einmal La Beaugravière und zurück, wie wär’s?”
Nun muss man wissen, dass sich hinter dem eindruckvollen Namen keineswegs ein Schloss verbirgt, sondern ein Landgasthaus, wie es sie hier am aufgeräumten Schwarzwald längst nicht mehr gibt: Seit dreißig Jahren nicht mehr renoviert, auch davor völlig schmucklos. Die Wände kahl, die Beleuchtung grell, die Autos der Gäste blockieren den Eingang: Eine Landstraßenkneipe an der N 7 bei Mondragon mit der größten Weinkarte des Rhonetals
Und noch eine Spezialität karrt die Gäste hordenweise in das Genießerzentrum. Genau – die Trüffel. Monsieur Jullien muss sie in dieser Jahreszeit tonnenweise verarbeiten. Ihretwegen ist der Laden mittags und abends bumsvoll. Zwei Menüs feiern den Höhepunkt der Wintersaison. Das am wenigsten teure kostet 130 €. Es bestand bei unserem Besuch aus einer getrüffelten Weiße-Bohnen-Creme, aus einem flüssigen Rührei mit Trüffeln (Brouillade), einem Huhn-in-Halbtrauer (bei dem die Trüffel in Scheiben unter der Haut sitzen) einem Weichkäse und – als einziger Gang ohne Trüffel – einer knusperigen Apfeltorte.
Die Trüffel glichen in allen Gängen einer Sättigungsbeilage, das heißt, sie lagen in nicht zu dünnen und keineswegs kleinen Scheiben auf den Tellern in einer pampigen Cremesauce, welche ihre Pampigkeit nicht irgendwelchem Mehl verdankte, sondern ungeheueren Mengen Trüffelkrümeln. “Trüffel satt”, wäre der passende Name für unser Menü gewesen. Es hätte aber auch am nächsten Tag als “Trüffeltransport auf der N 7 verunglückt” stehen können. Denn geschmeckt hat die ganze Trüffelorgie überhaupt nicht. Um es deutlich zu sagen: Was wir da für viel Geld in uns hineinschaufelten, war weder delikat noch sonstwie erfreulich. Bemerkenswert war lediglich das zerknirschte Achselzucken des Wirts: “Ja, dieses Jahr ist eine Katatrophe.” Mit diesen Worten tröstete er jeden, der das ebenfalls gemerkt hatte.
Womit sich wieder einmal die enge Verwandtschaft von Trüffel und Wein erwies. Beide sind von der Witterung abhängig wie alte Rheumatiker.
Die wirklich schlauen Gäste wussten das längst und hatten à la carte Gerichte ohne Trüffel bestellt. Denn Guy Jullien ist in diesem Teil der Provence seit Jahrzehnten auch ein sehr populärer Küchenchef.

3 Kommentare