AUSTERN NUR AUF ANFRAGE

Frau HoffmannWieder mal in Hamburg, wieder mal gestaunt über die hübschen Villen, in denen sich unter anderen Gewerbetreibenden auch ein paar mittelhübsche Restaurants verstecken, was aber den mittelständischen Gästen wenig ausmacht, solange über der Eingangstür ein durch Film und Fernsehen bekannter Name steht.
Inwieweit dieser in ganz Deutschland zu findende Gafferismus Einfluss auf die Jeweilige Küche hat, kann nur durch eine gezielte Ortsbesichtigung beurteilt werden. Deshalb baten wir bei Henssler&Henssler für den frühen Abend telefonisch um einen Tisch. Abgelehnt. Einem Fernsehstar rückt man nicht auf die Pelle, indem man einen Namen ins Telefon brüllt.
Also versuchten wir es zur angemessenen Zeit wie hungerige Fußgänger überall auf der Welt. Die Halle war halb leer, das Personal von gemäßigter Freundlichkeit. Wir bekamen zwei nebeneinander liegende Tische in der ersten Reihe. Wie die Arbeitsplätze asiatischer Blusennäher. Die Köche, mindestens ein Dutzend, werkelten einsehbar hinter Glasscheiben.
Ein Star namens Henssler war nicht dabei. Die kombinierte Menü- und Weinkarte bot nicht viel Auswahl, bzw. nur das Übliche, was uns daran erinnerte, dass wir in einem Bistro saßen und nicht in einem Feinschmeckerkabinett.
Auf den Nachbarplätzen wurde viel Fleisch gegessen, die asiatische Küche, die früher die Stärke von Henssler junior war, schien an Wichtigkeit eingebüsst zu haben. Nach Austern musste ich extra fragen. Die kleinbürgerliche Scheu vor exotischen Gerichten musste nicht erst am Fehlen von Innereien demonstriert werden. Auch die aus Japan eingeführten, zusammengerollten, heißen Waschlappen wurden uns erst angeboten, als wir den ersten Gang fast hinter uns hatten; sie waren kalt wie abgestandene Sushis.
Von den übrigen Zutaten der Menüs ist ebenfalls nichts Freundliches zu sagen. Obwohl alles sichtbar mit der Hand gemacht wurde, überwog der fatale Eindruck von automatischer Fertigung. Die in der asiatischen Küche so leicht erreichbaren Überraschungen durch unvorhersehbare Gags aus der Kräuter- oder Gewürzküche fehlten vollkommen. Sogar die Austern waren nach amerikanischer Mode so gründlich gewaschen, dass der Eindruck von Total-Hygiene nicht zu übersehen war, der noch keinen Feinschmecker glücklich gemacht hat.
So kamen wir früher als geplant ins Hotel Park Hyatt (5 Sterne). Wo Madame ihren Koffer (ohne Rollen) eigenhändig transportieren musste, und das Personal eine Stimmung verbreitete, als habe soeben eine Troika von Insolvenzverkündern das Haus verlassen.

6 Comments | Hinterlasse einen Kommentar

  1. Charles Milton Ling |

    Warum nicht Vier Jahreszeiten (oder wenigstens Atlantic)?

  2. Dieter |

    Quel Malheur.
    In manchen Häusern ist man eher froh, das Essen hinter sich – als vor sich zu haben!

  3. Reiner Scherpenstein |

    Es ist doch hinlänglich bekannt, dass die aktuellen Fernsehköche, die nebenbei noch eine Menge anderer Fernsehsendungen bestreiten, auf Theaterbühnen stehen, die Welt bereisen oder Firmen führen, gar nicht mehr zum Kochen kommen. Das ist auch gut so, denn wer will das noch essen. Der Geist dessen, was sie mal bekannt gemacht hat, wird auf Mainstream herabgedampft und in großen, auf maximalen Umsatz bedachten Lokalen den Normalos präsentiert. Wenns ein großes Erlebnis war, hat der Meister kurz hereingeschaut, Autogramme verteilt und vielleicht noch Proben seiner neuesten Tütensuppe verteilt. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen, Ihnen Herr Siebeck meine Anerkennung und mein Mitleid, dass Sie sich das noch antun. Schade nur, dass man einen unwiederbringlichen Tag des Lebens mit einem Essen verbringen musste, dass es nicht wert war.

  4. Chr. A. Wolf |

    “… hübsche Villen … mittelhübsche Restaurants … mittelständische Gäste …”: was für eine schöne Reihung im Einleitungssatz, die eigentlich schon alles aussagt, was es über die beschriebenen Restaurants zu wissen gilt!

  5. Ralf Siebeck |

    Lieber Herr Namenskollege, der mir mein Google-Ranking so sehr streitig macht. ;-) Sie bestätigen in gewohnt stimulierender Weise, dass ein mediengeprägter Name kein Universalrezept für eine Qualitätsküche darstellt. Trifft man in dieser Form ja häufiger an. Wohl auch, weil sich “H + H” + Co. auf ihren Lorbeeren ausruhen, der gehörigen Biss, aber vor allem der Fokus auf die eigentliche Mission fehlt. Prominenz macht oberflächlich. Da ist es doch eher das Suchen und Finden der leisen Restaurants, in denen sich Köche und Co. die Schenkel ausreissen um das einzig Wahre zu tun… sich für ihre Kunden immer wieder neu zu erfinden. Danke für ihre immer wieder erfrischende Kolumne, in der sie so vorzüglich den Gourmetgaumen pflegen und kultivieren. In der Gastronomie ist es schliesslich wie im wahren Leben… “The only weapon is a clear view”… Ihr Ralf Siebeck

  6. asterix |

    Herr Siebeck, messerscharfer Blick und immer noch intakte Geschmackssensoren, bravo.
    Diese gegenwärtige sogenannte Hochkultur ist so vergleichbar mit dem Kulinarischen. Auf die Frage an eine ältere Ausnahmesängerin, was halten sie vom Publikum. Hören sie auf, die Aufführung kann voll daneben sein, 10 Minuten Ovationen und Bravorufe. Schickimicki überall. Das alte Lied, Dabeisein ist alles, heut mehr denn je.
    Wie schwer machen uns die Volksgenossen die Suche nach gutem Material für einen schmackhaften Schmaus. Die Parole heißt, billig, Geiz ist geil, lecker, super lecker. Der Kunde ist König, die Industrie muß liefern.

Hinterlasse eine Antwort