KEINE SCHWARZEN SCHLIPSE

Frau HoffmannDer Tod von Maggie Thatcher hat in Großbritannien bemerkenswerte Reaktionen ausgelöst. Nicht bei denen, die den Tod der ehemaligen Ministerpräsidentin beklagen. Sie klagen und rühmen gleichzeitig, wie das in jeder Gemeinschaft geschieht, wenn der geliebte Häuptling stirbt. Die Eiserne Lady hatte viele Anhänger, das war schon immer unübersehbar. Sie hatte auch viele Feinde, was wir hierzulande nicht so mitbekamen. Wie feindlich sie ihr gesonnen waren, erfahren wir erst jetzt durch die ausführlich zitierten und gnadenlos übersetzten Nachrufe der englischen Medien.

Was wir da zu lesen bekommen, ist mehr als ungeheuerlich. Es ist erschreckend. (Manche Kollegen halten es für geschmacklos.) Der Schock, der den deutschen Leser beim Frühstückskaffee trifft, wirkt nur teilweise durch die Invektiven, die der frisch Verstorbenen nachgerufen werden. Die Deftigkeit der Beschimpfungen, der Triumph, dass sie nun endlich tot ist, und die Phantasie, die ihre britischen Feinde aufwenden, um sie noch übers Grab hinaus zu schmähen, sind zugegebenermaßen höchst ungewöhnlich. Aber es ist unser gleichzeitig einsetzendes Erstaunen über die Heftigkeit der Wut – welche hier ganz eindeutig in Hass umgeschlagen ist – gegenüber einer ex-Premierministerin, die wir in unseren Breitengraden nicht für möglich gehalten hatten. Wir denken an unsere Kanzlerin, und uns schauderts bei der Vorstellung, was ihre Feinde, wenn es soweit wäre, und sie sich trauten, ihr ins Grab nachwerfen könnten.

Aber offenbar heucheln wir angesichts offener Gräber und stellen uns bieder. Hat denn jemand laut gejubelt, als der vielgehasste Willy Brandt zu Grabe getragen wurde? Oder im anderen Lager: Ist der Leichenzug des F.J. Strauß etwa mit gehässigem Applaus bedacht worden?

Intensiv-Feinde haben beide gehabt (wie viele andere Politiker.) Aber wir haben uns schwarze Schlipse umgebunden und schweigend zugehört, wenn ein Festredner eine heuchlerische Gedenkrede hielt, während er die Leiche innerlich verfluchte.

Emotionale, vor allem ehrliche Reaktionen sind bei uns verpönt. Wir lassen unsere Minister und die Kanzlerin ruhig ausreden, wenn ihre Inkompetenzen zu Tage treten, wenn sie ihre Politik nicht zum Wohl des Deutschen Volkes program­- mieren sondern zum Wohle der Industrielobby (oder anderer Interessenverbände).

Ich plädiere hier nicht für eine johlende Boulevardpresse, welche die Auftritte Frau Merkels auf Schweißflecken untersucht und die Steinbrücks auf kleinportionierte Fettnäpf chen.

Aber ein bisschen Gaudi darf schon sein. Lasst also die schwarzen Schlipse im Schrank, Leute. Und glaubt kein Wort, wenn sie Euch erzählen wie edel, großzügig und fromm der Zeitgenosse war, den ihr nur als altes Arschloch gekannt habt.

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