AUF HOCHGLANZ

Frau HoffmannJa, sie kann einem schon auf die Nerven gehen, diese Manie der Deutschen, das Essen zur Zweitreligion zu erheben. Dieses Getue um das reinste Jungfernöl, die biologischste Kohlrabi, das Hohelied auf Wasabi, die Anbetung der heiligen drei Pfeffersorten der kantonesischen Küche.

Die süddeutsche zeitung hat dieser Plage eine ganze Seite gewidmet (Autor Hilmar Klute), die man mit schauderndem Vergnügen liest.

Finden wir doch alle affig, dieses krampfhafte Bemühen um korrekt eingedeckte Tische, nicht wahr?, um ein selbstgekochtes Essen, dessen jede einzelne Zutat von den Gastgebern zum Beweis ihrer gastronomischen Meisterschaft und ihres biologisch-ökologischen Gewissens kommentiert wird. Und erst die unvermeidlichen Röstnoten der Weine, das Ran­king der weltbesten Restaurants durch eine Mineralwasserfirma – wir kennen das alles und finden diesen Gastrofundamentalismus mindestens so lächerlich wie die SZ.

Warum eigentlich?
Ist es denn besser, wenn widerlich stinkende Wolken von Frittieröl durch die Straßen ziehen und uns daran erinnern, dass die Mehrheit der Bevölkerung vom Pappteller gegessene Pommes vorzieht? Stimmt uns der Anblick einer bunten Burger-Tankstelle versöhnlicher als die Auslage eines elitären Feinkostgeschäftes? Sollte die jahrzehntelange Zivilisierung unserer Gesellschaft vom allesfressenden Spieß­bürger zum anspruchsvollen Genießer so verkehrt gewesen sein? Die Vorliebe der Deutschen kann doch nicht immer noch das Bodenständige sein! Was in der finstersten Epoche unserer Geschichte als zünftig, schlicht und ehrlich gelobt wurde, ist in hartnäckiger Kleinarbeit von Hobbyköchen, Hausfrauen und Feinschmeckern als Primitiv-Ideologie entlarvt worden.

Verständlicherweise verläuft eine derart radikale Aufklärung nicht ohne Widerspruch; den hat es in genügender Menge auch gegeben. Er beschränkt sich typischerweise auf kulinarische Fundamentalisten und ihre ästhetischen Ticks. Das ist für Puritaner – die in unserer Gesellschaft die Mehrheit bilden – der direkte Absturz in die Dekadenz.

Wenn man in unserer Geschichte nachforscht, wer alles vor dem Genuss gewarnt hat, wird sofort klar, wo die Lebensfreude unterdrückt und Genuss gelebt wurde. Unsere Kultur wurde davon geprägt.

Warum also sollte der Kult des verfeinerten Essens so nervtötend sein, wie es dem Kollegen der SZ – und nicht nur ihm – immer wieder erscheint? Ist es unsere notorische Aversion gegenüber der Verfeinerung? Germanische Schlichtheit wurde schon vor Luther gegen lateinischem Raffinement ausgespielt: der Absturz in die Dekadenz droht allen, die den Speck nicht mehr mit dem Messer schneiden und in den Mund stecken wollen.

Sei’s drum. Wenn Popularität darin besteht, dass ein Fußballverein seinen bildungsfernen Spielern Millionenbeträge zahlt, und trotzdem populärer ist als die Einführung eines Mindestlohns, dann sollten die Anstrengungen einer Minderheit, die sich auf die Verbesserung der kulinarischen Lebensqualität konzentrieren, auch in Fällen lächerlicher Übertreibungen nicht gering geschätzt werden. In der Geschichte des Christentums gibt es bejubelte Beispiele dafür. Und es ist immer noch positiver, wenn Leute den CO–Ausstoß ihrer Kühlschränke loben als Frau Merkel.

2 Comments | Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wolfgang Brandt |

    Mich nervt dieses tugendhafte, protestantische Getue,aber vieleicht verstehen sie es einfach nicht, das verfeinerte Essen und essen lieber XXL Portionen

  2. Peter Lauensteiner |

    Ich verstehe den Autor so, daß er nicht das geringste gegen die verfeinerte Küche und Lebensart als solche hat, sondern vielmehr um das Getue darum, die Angeberei, die Klugscheißerei. Es ist ja leider wahr, daß die gehobene Kocherei gerne als Angbrenzungsritual praktiziert wird, um sich selbst und andere des eigenen Status’ zu versichern. Lebens- und Genußfreude macht sich da eher nicht breit.

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