EINER FÜR ALLE

Das Essen mit all seinen Facetten – Wohlgeschmack, Bekömmlichkeit, Aussehen, Vielfalt – ist heute so populär wie sonst nur der Fußball. Jeder redet darüber; über jedes Grillsteak wird getwittert, getalkt, gerätselt, gejammert und gejubelt. Ein neuer Sternekoch entspricht einem neuen Trainer. Und wenn die Mannschaft von Werder Bremen nach Freiburg fährt, um den dortigen Fußballklub zu besiegen, dann ist das wie eine Leserreise meiner Lokalzeitung ins Elsass, wo sich die Gourmet-Touristen am Sauerkraut ‘Royal’ delektieren.

Soweit so gut, könnte man sagen. Solange das Essen wichtig genommen wird, besteht die Chance, dass sich seine Qualität verbessert. Im Privathaushalt wie in den Kantinen und Schulen.

Aber kaum gedacht, erfahre ich, dass einige tausend Schüler an dem Fraß erkrankt sind, den man ihnen, vorgekocht und vorbezahlt, als Schulspeise vorsetzt. Schüler aus (bisher) fünf Bundesländer hat’s erwischt. Was für ein Virus da gewütet hat, weiß man nicht. Aber man weiß, dass die unbekömmliche Massenabspeisung aus einer einzigen Großküche stammt. Eine Kochstelle für zigtausend Schüler!

Zigtausend künftige Alphabeten, viele davon Nobelpreis-Aspiranten, Bestsellerautoren, Erfinder auf dem Gebiet der digitalen Kommunikation, Vorstandsmitglieder in der Industrie, Ballonfahrer, Ministerialräte, Fußballstars – kurz die künftige Elite unseres Volkes windet sich in Krämpfen, weil sie dem Gequatsche von unsereinem geglaubt hat, wonach Essen Genuss bereitet und Glücksmomente fördern kann.

Und dann erfahren wir, dass zigtausende unserer Kinder abgefüttert werden wie Hühner in der Massentierhaltung: dichtgedrängt in einer riesigen Halle, mit Einheitsfutter eines einzigen Chemiegiganten, schlecht schmeckendes, fett machendes Essen schluckend, nicht anders als die Jungschweine in den anderen Hangars am Stadtrand, denen man industriell gefertigtes, dubioses Futter von ein und demselben Hersteller vorsetzt, von denselben Monokulturen geerntet und von Analphabeten lieblos vor die Säue geworfen.

Kein Wunder, dass sogar unter Vegetariern Allergien grassieren.

Dadurch erklärt sich auch der zunehmende Wunsch unter den künftigen Wissenschaftlern, eine eigene Kneipe aufzumachen, wo sie sich von den Schrecken der Kindheit erholen können, indem Sie selber kochen (schlecht), ihr eigenes Vieh großziehen (Kakerlaken) und unbegrenzte Mengen von Wein zum Essen trinken können.

Damit wäre auch das Rätsel der vielen schlechten Restaurants erklärt. Wer in der Kindheit von einer sich landesweit ausbreitenden Giga-Küche ernährt wurde, wird später glauben, den verseuchten Fraß leicht übertreffen zu können. Also stellt er sich an den Herd, hält sich für Bocuse und seine Gäste zum Narren.

Welche verantwortungsvollen Eltern würden ihren Kindern ein solches Schicksal nicht ersparen wollen? Aber wie?
Wer die unvermeidlichen Bestechungen auf Länderebene für mafiose Vetternwirtschaft hält und illegale Ab­sprachen der Großküchen untereinander vermutet, wer die Schulen in einen Sumpf von Korruption versinken sieht, wird niemals einen Beweis dafür finden. (Wie auch nicht für die Vermutung, Ex-Kanzler Kohl habe seine geheimnisvolle Parteispende von der Stasi erhalten.)

Und bevor er als Wutesser auf die Straße geht und öffentliche Einrichtungen demoliert, ist er Rentner geworden und muss sich gegen Altersarmut wappnen.

Da bleibt denen, die ja auch mal Eltern waren, nur eine Möglichkeit, um das Schulessen der Zukunft virenfrei zu halten: Selber kochen und auch die eigenen Kinder und Kindeskinder mit diesem schönen Handwerk vertraut machen.

2 Comments | Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schorsch |

    So schlimm ist das doch nun (offiziell) auch wieder nicht. Schließlich hat die Grüne-Stadtratsfraktion einen Bioanteil am Gesamtmampf von 10% herausgehandelt. Es sind wahrscheinlich die Einwegteller.

  2. Cassandra |

    Ich denke, dass es genau so schlimm ist. Es lohnt sich, mal zu betrachten, wen das frz. Unternehmen Sodexo wie bewirtet. Übrigens gehört auch ein Drei-Sterne Haus zu Sodexos Portfolio. Wer da nicht an “Brust oder Keule” denkt….

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