GROSSE KLEINIGKEITEN

Irgendwann auf den Straßen von Dresden nach München über­schreitet man die Linie, hinter der das Reich der langweiligen Nadelhölzer beginnt. Schwarze Fichtenwälder statt grüner Laub­bäume. Es ist ein Kulturschock.

Dieser finstere Eindruck wird in München aufgehoben. Wie so viele deutsche Städte ist sie unter hochgewachsenen Laubbäumen fast begraben. Ich erkenne die Straßen nicht wieder, über die ich vor Jahrzehnten täglich gefahren und gelaufen bin. Alles wird verdeckt durch Bäume und Bauzäune. Und alle Straßen sind vollgeparkt mit Autos. Mit ziemlich großen und neuen Autos. Ob Sparmotor oder Spritschlucker ist egal, bald haben auch Elektroautos keinen Platz mehr auf den Straßen. Unserer Automobilindustrie wird nichts anderes übrig bleiben, als nur noch Exportautos zu produzieren. Vielleicht kann man unsere Bauern überreden, ihre Traktoren durch SUVs von BMW und Audi zu ersetzen. Wahrscheinlicher ist aber das Verschwinden eines ganzen Industrie­zweigs (un­seres größten), wie der Bergbau im Ruhrge­biet. Ob die Münchener dann noch diese irrsinnigen Preise für Wohnun­gen und Klamotten bezahlen? Um­sonst ist zurzeit nur das herrliche Trinkwasser, das kalt aus der Leitung fließt.

Es soll auch eine bemerkenswerte Gastronomie in der Stadt geben. Aber wie die finden, wo jeder Quadratmeter mit Tischen und Stüh­len vollgestellt ist, an denen die um 2 Million Touristen ver­stärk­ten Einheimischen hocken und Bier trinken.

Es gelang mir mit Mühe, mich bis zu Charles Schumanns Bar durchzuschlagen, wo ein Betrieb herrschte wie im Hofbräuhaus, wenn der FC Bayern um einen Pokal spielt. An vielen Tischen sta­pelten sich die Gäste übereinander, wie man das aus dem Fernse­hen kennt, wenn Steinschweiger ein Tor geschossen hat. Bei Char­les Schumann könnte es passieren, dass Lady Gaga, unter zehn anderen begraben, den ganzen Abend ein uner­kannter Gast war, und erst wieder auftaucht, wenn der Laden wegen Bomben-Alarm geräumt wird.

Charles, dem prominenten Barmann, kann der Hochbetrieb die Laune verständlicherweise nicht trüben. Auch nicht die Diskus­sionen an den Tischen im Hofgarten, ob das schnelle Tier eine Ratte, ein kleiner Hund oder eine große Maus gewesen war, das einige gesehen haben wollten. Überwiegend aber interessieren sich Münchener Bar­besucher nur dafür, ob sie selbst gesehen werden.

Deshalb bin ich ins Nürnberger Bratwurstglöcklein an der Frauen­kirche gegangen, über das schon Ludwig Bemelmans vor dem Krieg geschrieben hat. Es ist immer noch ein Hort der Stammtische und kinderreicher Adelsfamilien beim Stadtbesuch. Aber die notori­schen Würste waren seit meinem letzten Besuch abgemagert wie die Fahrerinnen der BMW Geländewagen, die jedem VW-Fahrer das Leben schwer machen. Dafür schmeckte das Sauerkraut hervor­ragend, weil es nicht schadet, wenn es in Mengen für 200 Portionen zubereitet wird.

Danach ließ ich mich zum ZEIT-Kochwettbewerb ins Hotel “The Charles” fahren, wobei der Taxifahrer einen 2-Euro-Umweg mach­te, was ein Schnäppchen war. Einer zeigte uns, wie man über Pasing zum Stachus fahren kann, wenn man am Viktualienmarkt startet.

Die Jury war nicht vollständig, weil die liebliche Cornelia Poletto eine Hochzeit bekochen musste. Für sie sprang Charles Schumann ein, während die beiden Finalisten um die Wette kochten. Das Re­sultat war nicht überwältigend. Gewinner war eine Österreicherin, deren Palatschinken das Publikum (welches stimmberechtigt war) begeis­tert hatten. Die Fische – das Hauptthema des Wettbewerbs – hatten die Teilnehmer ganz gut hingekriegt, dafür waren sie alle (auch in Hamburg und Frankfurt) bei den Kleinigkeiten zu zaghaft und einfallslos. Kleinigkeiten sind in der Küche aber oft entschei­dend. Und nicht nur dort. Man sieht es an der läppischen Summe von 800 Millionen, die Mappus zuviel gezahlt hat.

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