Drôme

Drôme. Wieder einmal für einige Tage in der Provence. Früher haben wir monatelang in unserem Mas gewohnt. So nennt man die verfallenen Ställe und Scheunen, die von wohlhabenden Stadtflüchtigen renoviert und als Ferienhaus bewohnt werden. Genau das haben wir getan, als wir noch wohlhabend waren. Ich habe Bücher geschrieben, Barbara kümmerte sich um den Garten und fuhr auf die Märkte der Umgebung. Das Leben verläuft hier ruhiger als in Deutschland, obwohl wir hier wie dort abgelegen zwischen ländlichem Volk wohnen.
Kulinarisch bietet die Provence einige Vorteile, jedenfalls im Sommer. Dann sind die Märkte voller frischer Produkte, die vor unseren Augen im Rhônetal wachsen. Zwar überwiegend Massenerzeugnisse wie Tomaten, Knoblauch und Hirse, aber die Bauern, die diese herrlich süßen, gereiften Melonen auf den Markt karren, die aromatischen Erdbeeren, die Äpfel und Birnen, die handgemachten Ziegenkäse, die Walnüsse und die verschiedenen Salatsorten, sie scheinen ihre Ware erst am Markttag vor dem Frühstück geerntet zu haben. Hier sind regionale Produkte so selbstverständlich, wie wir sie in Deutschland gerne hätten.
Dafür lässt eine Agrarmafia nichts auf den Markt (und in die Supermärkte), was nicht unter der Trikolore groß geworden ist. Also gibt es fast keine Pilze (während sie in deutschen Supermärkten tonnenweise aus Polen herangeschafft werden), auch Beerenfrüchte (außer Erdbeeren) fehlen. Ich nehme an, es findet sich niemand, der sie pflückt. Bressehühner und andere edle Delikatessen sind so selten wie bei uns. Das ist in den Großstädten anders. Aber wo sind hier Großstädte? Milchprodukte wiederum sind so billig, dass ich mich fast schäme, für Bioqualitäten weniger zu bezahlen als im heimischen Supermarkt für die Massenware. Also essen wir jeden zweiten Tag Fisch. Der ist zwar genau so teuer wie bei uns, aber in großer Auswahl vorhanden und wunderbar frisch.
Zu meiner Freude sehe ich die frischen weißen Bohnen wieder, dieses exzellente Sommergemüse, das wir im Rheintal nur als Dosenware kennen. Ich vermute, deutschen Hausfrauen ist das entkernen der Bohnen zu lästig (eine zweifellos langwierige und stumpfsinnige Arbeit, vor der ich mich gerne drücken würde).
Solange sie angeboten werden, kombiniere ich sie mit allem, ob Fisch oder Fleisch oder nur mit Tomatenkonkassee (was viel besser schmeckt als Spaghetti, diese Ausrede der bequemen Köche). Und wenn sie erst einmal aus ihren zähen Hülsen befreit sind, kann jedes Kind weiße Bohnen zubereiten:
Die Bohnenkerne werden in Wasser aufgesetzt und sprudelnd gekocht, bis sie weich sind. Das dauert zwischen 20 und 40 Minuten. Dann werden sie abgegossen und erst jetzt gesalzen und gepfeffert. Für letzteren Vorgang nehme ich 1 kleine Chilischote, welche bei zwei Portionen ganz bleibt, aber zerquetscht wird, wenn mehrere Esser Freude daran haben sollen.
Inzwischen habe ich das Konkassee hergestellt. Dazu werden 2 oder mehr Tomaten enthäutet, entkernt und klein geschnitten. Auch 1 bis 2 Schalotten kommen unters Hackmesser. Alles zusammen wird In reichlich Olivenöl und fein gehacktem Knoblauch (in beliebiger Menge) angedünstet, gesalzen und gepfeffert, und mit den gekochten Bohnenkernen vermischt. Abschmecken!
Waren die Tomaten zu fade, helfe ich mit Tomatenmark nach. Soll dieses Gemüse Crevetten oder Fisch begleiten, ist die Zugabe von feinen Kapern empfehlenswert sowie Zitronensaft.
Frische, weiße Bohnenkerne sind so vielseitig verwendbar, dass ich es immer bedauerlich fand, mich mit Dosenware begnügen zu müssen. Hier in der Drôme kocht Barbara mir zuliebe fast jeden zweiten Tag entweder eine Vorspeise oder ein Hauptgericht mit weißen Bohnen.
Eine andere hochdelikate Spezialität der Provence ist der Lavendelhonig. Er ist so unvergleichlich französisch wie unser Tannenhonig unverkennbar deutsch ist: Debussy versus Wagner. Ich lasse die selbstgemachte Feigenmarmelade stehen und unterstütze die Bio-Imker in unserer Nachbarschaft hemmungslos ohne Rücksicht auf Kalorien und den Blutzuckerspiegel.
Gleichzeitig lese ich die erfreuliche Meldung in deutschen Zeitungen, die hier erst mit einem Tag Verspätung eintreffen, dass ein bayerischer Imker sich erfolgreich vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Bande der Genanreicher durchgesetzt hat! Danach ist die Reinheit des Bienenhonigs wichtiger als die Anreicherung von Maispflanzen mit Genen aus dem Labor.
Ein Urteil, das zeigt, wie sich der Gedanke der Bio-Qualitäten auch im juristischen Bereich durchzusetzen beginnt. Zwar wird es nie ganz gelingen, der Nahrungsindustrie ihren perversen Drang aus-
zutreiben, unsere Ernährung der profitablen Massenherstellung zu unterwerfen. Aber da man ihr schlecht elektronische Fußfesseln anlegen kann wie einem Sittenstrolch, ist das Brüsseler Urteil als eindeutiger Fortschritt anzusehen.

One Comment | Hinterlasse einen Kommentar

  1. TKKG |

    Natürlich sind wir Grossstädter in LaBegude an den Bohnen vorbeigelatscht, aber der Loup konnte es gar nicht mehr erwarten in unseren Korb zu hüpfen. Wir werden den Guten auf ein Bett Rattatouille legen und kurz im Ofen garen lassen. Danach gibt es Aple crumble. Und ganz zum Schluss einen “Block” Käse aus der Ardeche der zwar soviel kostete wie eine halbe Tankfüllung aber sich im Geschmack natürlich wesentlich unterscheidet. Er schmeckt so als hätte der liebe Gott beim herstellen einmal mit seinem Finger darin rumgerührt. Beste Grüße von den Junx.

Hinterlasse eine Antwort