OPA BOCUSE

Es gibt Leute, die lesen regelmäßig den Schund des Boulevards, das sind die Scheußlichkeiten, die anständige Bürger höchstens im Wartezimmer eines Arztes in die Hand nehmen, wie man früher sagte, als wir uns das Kranksein noch leisten konnten. Heute kriegt man sie per Internet täglich ins Haus geschickt, die Informationen über Hochzeiten in Adelskreisen, Schwangerschaften bei Filmstars, Seitensprünge der Spitzensportler.

Mit anderen Worten, der ganze Unterhaltungsmüll, der auf dem Boulevard herumliegt.

Dass Nachrichten aus der Welt der Gourmandise dabei nicht berücksichtigt werden, ist tröstlich. Denn in dieser Gesellschaft möchten wir mit unserem Hobby nicht landen. Nicht einmal die bekannten Volksverdummungskanäle mit ihren aufdringlichen Koch-Shows bemühen sich um uns.

Sie haben sogar versäumt, dem großartigen Paul Bocuse zu seinem 85. Geburtstag ein paar Extralorbeeren in die Suppe zu legen. Dabei hat er sich um uns, um die deutsche Gastronomie, mehr als verdient gemacht. Nicht nur, weil er in seinem berühmten Restaurant bei Lyon den österreichischen Jungkoch Eckart Witzigmann zu dem Meister ausbildete, der danach im Münchener Tantris seinerseits begann, seine Schüler im Sinne des Lyoner Großmeisters zu instruieren und somit den Grundstein legte für das hohe Niveau auf dem heute bei uns gekocht wird. Auch Franz Keller jr. (heute Hattenheim) gehört zu seinen Schülern, sowie viele andere, die, von seinem Ruf angelockt, nach Lyon pilgerten, um ihm – und sei es nur einige Tage – in die Töpfe zu gucken, dort oberhalb der Saone, in seinem legendären Restaurant.

Das ist je zur Hälfte Kitsch-Museum und Ausflugslokal. Den Kitsch bewirken die aufdringliche Selbstdarstellung des Meisters vermittels bunter Farben und sein Hobby, das Musizieren mit der riesigen Kirmesorgel, die er in einem Nebengebäude gerne mal in Betrieb setzt.

Bocuse war immer gut für einen opernhaften Auftritt, ob er am frühen Morgen in der Markthalle von Lyon mit der berühmten Käsehändlerin, Mme. Richard einen handfesten Sketch auf einem Bistrotisch inszenierte, oder einen Kritiker während eines feierlichen Empfangs in Paris, lauthals beschimpfte, weil der es gewagt hatte, sein Restaurant mit einer Lastwagenkneipe zu vergleichen. Als stilbildender Lehrmeister stand er in der Tradition seines Lehrers, des großen Fernand Point in Vienne, der mit seiner Forderung nach Butter und noch mehr Butter, die Mehlsaucen des 19. Jahrhunderts aus den Küchen vertrieb. Für die Nouvelle Cuisine hatte Bocuse nie Sympathien, ließ sich aber zunächst gern als ihren Chefideologen feiern, bis er sich mit einigen saftigen Invektiven von ihr distanzierte.

Seiner Statur und seinem Temperament entsprach viel mehr die Deftigkeit der lyoneser Regionalküche, insbesondere die der Großen Mütter von Lyon. (Nur wenige Jahre vorher hatte der Macho Bocuse weiblichen Köchen vorgeworfen, sie entehrten die traditionelle (phallische) Kochmütze, was ihm den Zorn der Feministen und landesweite Schlagzeilen einbrachte.) Seine klassischen Gerichte sind noch immer das Bressehuhn in der Schweinsblase, der Loup en croute und die Trüffelsuppe VGDE.

Das sollte man einmal im Leben gegessen haben, damit man den Enkeln was zu erzählen hat.

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  1. Einfach ein schönes Leben |

    Lieber Herr Siebeck,

    ich bin ja erstaunt, Sie jetzt auch als Foodblogger zu erleben. Willkommen in der Szene. Ich bin schon gespannt, was wir hier von Ihnen zu lesen bekommen.

    Gespannte Grüße

    Martin

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