BERLIN 2

Frau HoffmannIn Athen geistert sie mit einem Hakenkreuz auf der Stirn durch die Presse, und hier sitzt sie im Cassam­balis und isst Taramosalata.

Als ich vor einem Jahr in Athen war, durfte man ih­ren Namen nicht laut aussprechen; was kein Kunststück war. Denn sagen Sie mal ‘Angela Mer­kel’, wenn sie den Mund voller Darmwürste haben. Das sind dünne Würste im Schafsdarm, eindeutig ein Natio­nalgericht der Griechen, das einem ständig in den Mund gesteckt wird. (“Ein Meter für den Opa, ein Meter für die Oma, und noch…”) Man wehrt sich zu­nächst dagegen, weil man sie gerade erst in der Markt­­halle hat hängen sehen, die Därme, 30 Meter lang im Urzustand. Und ich muss gestehen, ich kenne schönere Dinge. In Athen ge­hört die Akropolis dazu, in Berlin das “Cassambalis”.

Letzteres ist ein griechisches Restaurant in der Grol­mann­­straße, das ich vor Jahr und Tag zu meinem Lieblingsres­taurant erklärt habe, was Schwarz-Gelb mitgekriegt haben muss. Denn seitdem lassen sich Merkel, Westerwelle und Konsor­ten hier die Mezethes schmecken. Ausnahmsweise folgen sie damit sogar der richtigen Spur. Denn wie in Grie­chenland sowieso sind die so genannten Happen die eigentliche Attraktion der griechischen Küche. Sie werden einem im gesamten Orient vorgesetzt und sind immer das Beste eines griechischen Menüs, weil dessen an­­dere Bestandteile mit unseren Essgewohn­heiten wenig übereinstimmen. Das tun eigentlich schon die Garduba nicht, gegen deren Verzehr sich jeder Tourist in Athen sträubt, wenn er sie vorher in der Markthalle hat hängen sehen: dünne Schafsdärme, dem Haarschmuck der Medusa ähnlicher als Nürnberger Bratwürsten. Wenn sie jedoch die Pfanne verlassen, sind sie weitgehend integriert. Das heißt, wie das ge­schmorte Lamm­fleisch schwimmen sie in viel Öl. Woran es übrigens auch den Fischgerichten nicht mangelt. Und was sonst an Fleischge­richten aufgetischt wird, ist kaum nach Art und Ras­se zu unterscheiden. Die reformunwilligen Grie­chen bleiben auch in der Küche traditionell. Was uns die Moderne Küche bedeutet, lässt sie völlig kalt.

Bis auf die erwähnten Vorspeisen. Da entwickeln sie große Phantasie und mehr Originalität als die ande­ren Anrainer der Mittelmeerküste. Der neugierige Athentourist wird dabei große Köstlichkeiten entdecken. (Aber auch in der Erkenntnis bestätigt werden, dass der kostbarste Salat nicht schmecken kann, wenn der Koch keine sensible Zunge hat.)

Das Cassambalis würde nicht unter meinen Berli­ner Lieblingslokalen rangieren, wenn dort ein zungenlah­mer Bil­lig­arbeiter am Herd stünde. Hier sind sogar die Fische weit über dem berliner Durchschnitt, sowohl was Tech­­nik und Geschmack angeht. Man darf diese Künstler-Brasse­rie in der Grolmannstraße nur nicht für einen Gour­met­­­tempel halten. Dazu ist die Stim­mung zu locker, der Service nicht steif genug, sind die Portio­nen zu groß.

Einen großen Pluspunkt verdient das Lokal durch seine Auswahl an griechischen Weinen, welche von den fixen Ganymeds schnell gebracht werden und den seit kurzer Zeit aufgekommenen Weinchauvinismus des deutschen Gastes zusammenfallen lassen wie ein Soufflé im Durchzug.

Dieses Restaurant besitzt alles, was man von einer Brasserie erwartet, deren Publikum gleichzeitig weltstädtisch, sophisticated, musisch und tierlieb ist. Vielleicht haben sie dort sogar vegetarische Gerichte auf der Karte.

Die Darmwürste jedenfalls kann man im Cassambalis nicht essen. Dagegen hätten unsere Hygieniker sicherlich ein paar Einwände. In einem Land, Wo man sich vor Pferdefleisch ekelt und Kutteln für Hundefutter hält, haben es tapfere Epikuräer schwer.

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  1. Jeeves |

    Mir ist in den letzten 40 Jahren nur einmal speiübel nach einem Essen geworden und das war – sorry – Moussaka. Seitdem meide ich die griechische Küche.
    Durch einen Kreaturlaub ’76 (?) hätte ich gewarnt sein müssen: das einzige, was man dort essen konnte war frischer Salat.
    Griechiuscher Wein? Trink ich auch seit Jahrzehnten nicht mehr. Ist der heute nicht mehr so penetrant “harzig”?
    Aber ich werde gerne mal das erwähnte Restaurant in der Grolmannstr. besuchen un d mich überraschen lassen; bin gerade durch eine Besuch in der “Grünen Lampe” positiv gestimmt; da ist’s allerdings russisch (…wie meine liebe Gattin. Morgen ist Frauentag!). Das Mittags-Buffett in der “Grünen Lampe” ist (aber klar!) reichlich, abwechslungsreich und zudem preiswert.

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